Kindergesundheit durch Tanzen unterstützen (06.11.2019)

Kinder, die sich Bewegen und Tanzen haben deutliche Vorteile gegenüber ihren Gleichaltrigen

Nicht selten erleben ich und Kollegen es, dass Kinder, die wirklich gerne kamen, aus der Tanzschule auf Grund eines Wechsels genommen werden. Dann zerbricht es einem immer wieder das Herz, wenn dann die letzte Tanzstunde ansteht und die Kinder deprimiert und gar weinend sich verabschieden.

Wir tun gut daran unseren Kindern einen Ausgleich vom Stillsitzen dominierten Schulalltag bzw. dem neue fremdregulierte Alltag der Kita zu bieten.

Kinder, egal vor welchem Übergang stehend, haben, je nachdem wie lange sie schon tanzen, verschiedene Fähigkeiten stärker entwickelt als ihre Altersgenossen und somit einen deutlichen Vorteil, wenn es darum geht den Anforderungen in der Kita und der Schule standzuhalten.

Die durch Tanzen entwickelte Koordination ermöglicht es den Kindern nicht nur sportlich aktiver zu sein, sondern auch im Alltagsgerangel, auf dem Fahrrad oder Roller durch ein gut entwickeltes Gleichgewicht den eigenen Körper genau zu kennen, zu spüren, halten und ggf. auch abfangen zu können.

„Unsere Kinder sind Umfaller, und warum? Weil sie kein räumliches Vorstellungsvermögen entwickeln konnten“, stellt schon Vera F. Birkenbihl vor vielen Jahren in ihrem Vortrag „Trotzdem lernen“ fest. Das räumliche wie geometrisch-mathematische  Vorstellungsvermögen ist, laut ihrer Forschung, erst durch die eigene Erfahrung soweit entwickelt, dass das Gehirn seine tatsächliche Reifung für Mathematik entwickeln kann. Mit anderen Worten: unsere Kinder profitieren nicht nur, sondern brauchen dringend die eigene körperliche Erfahrung um die in seiner Vorstellung nutzen zu können. Nur mit der entsprechenden Vielfalt an Bewegungsabläufen kann das Kind sich selbst erfahren, erspüren, seine Kräfte einschätzen, nutzen und vor allem dosieren; kann es sich erproben und mit jedem mal mehr sich in Bezug zu seiner Umwelt setzten. Dabei gibt es kein besseres Mittel als Tanzen, denn hier wird Kindern ein vielseitiges Bewegungsangebot ermöglicht, verbunden mit Musik, spielerischem Lernen und ausreichend Abwechslung in der Schulung der eigenen Kondition, Koordination, dem eigenen Schwerpunkt und Gleichgewicht.

Genau das können meine Kollegen, egal mit wem ich darüber spreche, und ich in meiner jahrelangen Erfahrung bestätigen.
Aus der Demenzforschung wissen wir schon länger, dass gerade beim Tanzen und Tanzen lernen eine rechnerische Höchstleitung vollbringt, angefangen vom Merken der verschiedenen Schritte, dem nötigen koordinieren mit den Körperteilen, dem Positionieren im Raum in Bewegung und dem immer wieder Nachberechnen des Gehirns, gibt es kaum etwas anderes, was eine bessere Nachhilfe auf nachhaltige Weise für ein Kind ist, als es zum Tanzen zu schicken. Immer vorausgesetzt, es möchte dies auch. Sportarten wie Judo u.ä. sind z.B. für Jungen eine körperliche Betätigung, die ähnlich wie beim Tanzen fordert und fördert.


1. Lernen braucht aktive Gehirne - Gehirne brauchen Neurogenese - Neurogenese braucht Bewegung

Was uns Vera F. Birkenbihl noch lehrte („Wie lernen gelingt“): Neurogenese (Gehirnzellenwachstum) oder auch Nervenwachstum findet auch nach der Geburt weiterhin statt. „Lernen ist nur möglich, solange die (adulte) Neurogenese stattfindet. Hört sie auf (egal ob der Betroffene 19 oder 91 Jahre alt ist), wird LERNEN UNMÖGLICH. Neurogenese ist aber auch abhängig von BEWEGUNG: findet zu wenig statt, wird sie träge und hört auf. Wir bewegen uns heutzutage ganz allgemein zu wenig. Da wir aber insbesondere unseren SchülerInnen zu wenig Bewegung erlauben, ist es kein Wunder, dass gerade Schulen (die Orte des Lernen sein sollten), das Lernen auf Dauer ver-UNMÖGLICH-en, in dem die Neurogenese zum Stoppen gebracht wird.“

Zusammengefasst heißt nichts anderes: Lernen braucht Bewegung, nur so kann das Gehirn sich weiterentwickeln und lernen. Kinder brauchen deshalb nicht nur zur allgemeinen Ertüchtigung ihres Körpers Bewegung, sondern auch, damit sich das Gehirn optimal entwickeln kann. „Wer nicht mehr LERN-fähig ist, kann mit Unerwartetem nicht (mehr) umgehen (…). Lernen ist überlebensnotwendig.“


2. Tanzen sollte keine Belohnung für gute schulische Leistung sein, sondern eine Selbstverständlichkeit

Ein weiterer Grund von Eltern ihr Kind vom Tanzen abzumelden, wird immer wieder mit der schulischen Leitung begründet, mit welcher sie nicht zufrieden sind. „Marie darf erst wieder zum Tanzunterricht kommen, wenn die Noten besser geworden sind“, so lautet schon fast der gleichklingende Ton vieler Eltern.
Wenn du, liebe/r Leser/in mit den Fakten aus dem vorangegangenen Teil (weitertanzen trotz Übergänge) diese Aussagen in Relation setzt, dann merkst du schnell, dass sich da die Katze in den Schwanz beißt. Der Bewegungsentzug bei solchen Kindern, die auf Grund der verbesserungswürdigen Schulleistung nicht mehr tanzen kommen dürfen, wird vermutlich wohl eher schlechter als besser werden. Auch eine kopflastige Nachhilfe, das kann ich aus meiner Lehrertätigkeit während meines Studiums an einem großen Nachhilfeinstitut bestätigen, kann nur eine kurzfristige Lösung sein und bestraft das Kind für sein scheinbares Unvermögen bei den schulischen Unterricht nicht genügend zu nutzen mit nur noch mehr Unterricht.


3. Bildschirme verführen und machen auch Bewegungsangeboten Konkurrenz

Kinder sind nicht nur dem vielen Sitzen und dem Kopflastigen Arbeiten ausgesetzt, sondern leben mittlerweile in einer Gesellschaft der Bildschirme. Ob Handy,  Tablet, Laptop,  Flatscreens oder große Werbetafeln: die technologische Weiterentwicklung und das gesellschaftliche Bild haben sich gewandelt und Kinder stehen immer mehr den verschiedenen Verführungen und Versuchungen gegenüber. Die Schere zwischen dem scheinbar leichten Konsum von Unterhaltung und Abwechslung in medialer Hinsicht steht dem eigenen körperlichen Aktivsein gegenüber. Gerade weil dies ein weiterer, manchmal durch die Schule auch notwendige, Faktor zu mehr Stillsitzen ist, müssen Eltern sich beherzt diesem Thema annehmen und alternative Angebote machen.


4. Bewegungsarmut, Fettleibigkeit und Bildschirme – frühzeitig die Gewohnheiten umstellen

Derzeit sind laut WHO mehr als 23% der Erwachsenen und 80% der Jugendlichen nicht ausreichend körperlich aktiv. Wenn gesunde körperliche Aktivität, Bewegungsmangel und Schlafgewohnheiten früh im Leben festgestellt werden, hilft dies dabei, Gewohnheiten während der Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter zu formen.

Als Erziehungsberechtige gestalten wir nicht nur einen Alltag, sondern wir zeigen unseren Kindern grundsätzlich, wie man mit bestimmten Themen, Problemen und Bedürfnissen im Leben umgeht. Welche Werte zählen in einer Familie und welche Lebensweise, das ist für viele Eltern keine leichte Aufgabe  – Tanzen zu gehen ist eine leichte wie einfache Entscheidung, denn es hilft an dieser Stelle wie auch andere Bewegungsangebote einen Ausgleich zwischen Körper und Geist herzustellen, ermöglicht dem Kind seine körperlichen Kräfte zu nutzen und alle Körperfunktionen auf einem guten Level zu erhalten.


5. Ich sehe was, was du nicht siehst

An dieser Stelle möchte ich eine Beobachtung aus meinen Tanzstunden von Kindern von 1,5 – 9 Jahre teilen, denn es hat etwas Zeit gebraucht, bis ich die Zusammenhänge erfasste und ich fand die Erkenntnis daraus essentiell:

Ich hatte vor einem Jahr eine Schülerin von 4 Jahren, die von der Mutter als Tanzbegeistert beschrieben wurde, und welche die ersten Stunden auch gerne mitmachte. Dann bemerkte ich, wie sie bei unseren Kinderballettübungen, die ich mit den Kids ein bis zwei Lieder lang vor der Spiegelwand tanze, von ihrem Spiegelbild so gefesselt war. Anstatt mitzumachen schaute sie sich lieber selber die ganze Zeit einfach nur an und spielte an ihren Haaren. Es sah fast so aus, als ob sie ein bisschen posierte. Das hielt erst mal an und ich wusste mir darauf keinen Reim zu machen.
Bis sich ein viertel Jahr später dasselbe Erlebnis in einem Kleinkindkurs und dann nochmal in einem Kurs ab 3 Jahre mit einem anderen Kindern wiederholte. Ich war nun fieberhaft nach dem Verbindungselement auf der Suche und sprach u.a. auch mit den Eltern, doch nichts schien ein logischer Grund für das Verhalten zu sein. Bis mich eine Mutter in einem Kleinkindkurs darauf brachte, deren Kind sich auch immer mal wieder vom Spiegel „ablenken“ ließ. Sie meinte darauf hin, als sie ihr Kind beobachtete zu mir: „Ach das kenne ich gar nicht von meiner kleinen, aber hier sieht sich sehr gerne im Spiegel an. Naja, zu Hause geht das ja auch nicht.“ Auf mein Nachfragen warum das so sei, erzählte sie mir, dass die Spiegel nicht in Kinderhöhe hängen und sich die Kleine so gut wie nie im Spiegel betrachten kann.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Kinder beobachten sich selbst gerne, wollen sich ergründen. Zudem haben sie durch den Spiegel eine Möglichkeit von außen zu betrachten und dies mit ihrer Befindlichkeit in Zusammenhang zu bringen. Wie sieht das aus, was ich gerade mache und fühle? Wie sieht es bei den anderen aus? Wie gefalle ich mir bei dem, was ich mache und sehe? Es ist eine spannende Aufgabe für jedes Kind – manche mehr, manche weniger – wir sollten sie bei diesen Erfahrungen unterstützen.


6. Die Bedeutung für das Kind des Ausdruckes seiner Gefühle

Wenn es um Kindergesundheit geht, dann beziehe ich mich auf den ganzheitlichen Ansatz, bei dem Körper wie Geist und Seele in Zusammenhang betrachtet werden. Nur im Tanzen findet das Kind/Teen die Möglichkeit authentisch seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, andere in ihrem Ausdruck zu beobachten und eine Deckungsgleichheut zwischen dem „So geht’s mir“ über das „So fühle ich mich“ zum „Ich zeige wie es mir geht“. Kinder benötigen wiederkehrend einen wertungsfreien und geschützten Raum, um ihre Gefühle wahrnehmen und zeigen zu dürfen, das macht ihnen möglich sich im Ganzen zu spüren und sich im Einklang zu spüren. So entwickelt sich immer weitere ihre Authentizität.


7. Sprachen lernen mit Singen und Tanzen

Auf diesem Gebiet gibt es beeidruckende Erkenntnisse, nie war es einfacher sein Kind durch Tanzen in seiner Sprachentwicklung zu fördern. Hier habe ich mich ausführlich für Dich mit Logopädin Karin Goldschmidt-Berkenbusch ausgetauscht - in Folge 19 vom "Einfach Tanzen"-Podcast findest du das spannende Interview.


FAZIT Universaltool TANZEN – Tanzen als Lebensmittel

Es gibt viele Wege, um dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder nachzukommen. Eltern haben hier eine scheinbar unendliche Auswahl an Möglichkeiten, um dem Sprössling den Freizeitbereich aufzupeppen.

Tanzen hebt sich als Sport und Bewegungsangebot in vielerlei Hinsicht ab und punktet vor allem durch eines der umfassendsten Bewegungsmöglichkeiten. Denn es kommt mehreren Bedürfnissen, die ein Kind und Mensch hat, nach:

  1. Gemeinschaft erleben – Freundschaften schließen
  2. Fitness erhalten und steigern – Körpergefühl entwickeln
  3. Ausgelassenheit und Freude erfahren – Bewertungsfrei aufwachsen
  4. Ausstrahlung und Selbstsicherheit natürlich entwickeln – Vorbilder tanken
  5. Tanzen als ein natürliches Mittel der Gefühlsregulation erfahren und etablieren

Es ist der Garant für ständige persönliche Entwicklung auf verschiedenen Ebenen und wir nutzten es bereits seit der Steinzeit: noch bevor wir liefen tanzten wir.
Lange rätselten Evolutionsbiologen und Gehirnforscher, warum wir uns seit Menschenbeginn und nach wie vor das Tanzen „leisten“. Heute ist ganz klar, dass wir auf Grund des Tanzens zu den Menschen von heute entwickeln konnten. Tanzen war das Elixier unserer Kreativität und diese das Potential unserer Ideen und unserer Weiterentwicklung. Warum Tanzen? Ganz einfach: es ist jederzeit verfügbar,  ortsunabhängig, ohne Altersfreigabe oder –einschränkung, nachhaltig und für alle Menschen jeglicher Fasson einsetzbar. Kennst du eine weitere Möglichkeit, die so universell greift?

 

Vertiefe dein Wissen mit:

* Artikel der WHO – Bewegungsempfehlungen für Kinder
* Lektüre: Buch „Tanzen ist die beste Medizin“

HIER gehts zu unseren Kindertanzkursen ab dem Laufalter (ca. 1,5 Jahre) bis zu den Teens im TeenDanceClub

 

Jasmin

AutorinBotschafterin des Tanzens

Über die Blog-Autorin: Heidemarie ist passionierte Tanzlehrerin und zertifizierte I-TP-Tanzpädagogin und arbeitet als solche den ganzen Tag mit großen und kleinen und großen mit kleinen Menschen zusammen, um ihnen die bestmöglichsten Voraussetzungen zu schaffen, um ins Tanzen zu kommen und dadurch zu Leuchten. Mehr über sie erfährst du HIER

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